Vier Tage in Berlin
Von Jürgen Dieter Ueckert
Am Anfang stand eine Einladung
der CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Renate Hellwig. Im August dieses Jahres
flatterte sie auf den Redaktionsschreibtisch. Wenige Wochen später teilte „Der
Bevollmächtigte der Bundesregierung in Berlin - Abteilung Innerdeutsche Beziehungen"
mit, wie die vier Tage vom 21. bis 24. September 1982 in Berlin grob umrissen
verlebt werden sollen.
Empfänger waren jene Leute, die
„Ja" zu dieser Einladung nach Berlin sagen durften: neunzehn Journalisten
aus dem Wahlkreis der Bundestagsabgeordneten des Neckar-Zaber-Wahlkreises und
auch anderen Teilen der Bundesrepublik.
Der offizielle Reise-Titel:
Eine „Informationsreise für Journalisten auf Vorschlag der Bundestagsabgeordneten
Frau Dr. Renate Hellwig". Eine anstrengende, dafür aber auch sehr
informative Reise wurde es. Gedankensplitter — Erinnerungen an einen
Aufenthalt in der ehemaligen „Reichshauptstadt Berlin" im Herbst 1982.
Erster
Tag
Der Flug mit einer reichlich alten
Maschine von Stuttgart nach Berlin bei sonnigem Wetter war weniger angenehm
als jener, den ich wenige Wochen zuvor nach Spanien gemacht hatte. Es rumpelte
ab und zu kräftig in der Luft - und dann beim Landen besonders. Dafür war aber
der Blick genauso hervorragend und klar wie vormals jener über die sonnigen
Landschaften des Südens. Aus 7.000 Meter Höhe deutsche Landschaften betrachtend
fragte ich mich willkürlich, welcher Irrsinn dieses Deutschland geteilt hatte,
welche Einfalt und Unmenschlichkeit Grenzen dieser Brutalität gemacht haben.
Nur eine Verkrüppelung von
Gedanken und deren Ausfluss im Handeln, die panische Angst, kann derart
Perverses hervorbringen. Aus der Luft betrachtet, sind Probleme immer ganz
klein, Menschen kriechende Wesen - die globale Lösung ganz nahe. Berlin von
oben gesehen - der Todesstreifen, die Mauer, das wirkt aus dieser Perspektive;
wahrhaft überflüssig.
Aber den Hauptausgang am Flughafen
Tegel zu finden, das heißt eine Überwindung moderner Architektur herzustellen
- die Überwindung ganz anderer Betonmauern.
Nach der Unterbringung im Hotel
ein Essen mit dem Ministerialdirigenten Dr. Horst Winkelmann, dem Leiter der
Abteilung innerdeutsche Beziehungen beim Bevollmächtigten der Bundesregierung
in Berlin. In eine französisierten Kneipe auf dem Kurfürstendamm mit dem inflationär
verbrauchten Namen „Bistro“. Fazit des „Dirigenten“: das Ost-West-Klima derzeit
sei „sehr gut".
Eine Rundfahrt durch Westberlin
und eine Schiff-Fahrt auf dem Wannsee lässt Erinnerungen an Historisches, an
Gelerntes aufkommen. Die Enklave Steinstücken wird besucht, Baldur von
Schirachs Heimstatt als Reichsjugendführer in der Heerstraße ist zu sehen, das
neue Kongresszentrum, der Funkturm - eine Stadtrundfahrt mit Altbekanntem.
Am Abend lädt der Berliner Senat
zu einem Theaterbesuch ins Theater des Westens: „Evita“, das Musical
über das Leben der Evita Peron. Die nicht ganz geglückte Verherrlichung der
Ehegattin eines faschistischen Staatspräsidenten von Argentinien. 33-jährig
war sie 1952 an Leukämie in Buenos Aires gestorben. Manche der Songs gehen ins
Ohr.
Theaterbesucher schimpfen lauthals
während der Aufführung, weil die gesungenen Töne über Lautsprecher kommen.
Eine schlechte Aufführung. Und dabei ist es die Original-Inszenierung von
Harold Prince, ins Deutsche übertragen - einst uraufgeführt in New York. Zwei
Tage später gibt's einen schönen Verriss in der FAZ zu lesen. Und ein Freund
behauptet, dass ihm die deutsche Erstaufführung in Berlin besser gefallen habe
als die Uraufführung in New York. Ich war nur in Berlin.
Zweiter Tag
Um 8.30 Uhr treffen sich jene
Journalisten, die nach Berlin kommen konnten - einige andere mussten die Reise
kurzfristig wegen der Bonner Regierungskrise absagen. Beim Innensenator
Bürgermeister Heinrich Lummer. Es ist, der Jahrestag des Unfalls mit tödlichem
Ausgang: Jürgen Ratay. Hauptgegenstand des Gesprächs ist natürlich die
Hausbesetzerszene, die Wohnungsnot in West-Berlin.
Eine Stadt mit knapp zwei
Millionen Einwohner hat eine Million Wohnungen. Für zwei Leute eine Wohnung.
Das gibt's im ganzen Bundesgebiet nicht. Aber der Wohnungsbestand ist uralt,
heutigen Ansprüchen nicht mehr gerecht, Lehren für den Innensenator aus der
Not?
„Die Altbesetzungen räumen wir
erst, wenn sie einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden. Die Neubesetzungen
räumen wir sofort. Nicht Räumung um des Leerstandes willen, sondern Räumung um
der sinnvollen Nutzung. Wenn einer das Problem generell beseitigen will, muss
er den Leerstand beseitigen.“ - Der Leerstand belief sich auf 10.000 Wohnungen Mitte
des vergangenen Jahres. Und der ist jetzt abgebaut auf etwa 7.000 Wohnungen.
„Auf Null wird der nie kommen."
Ein Leerstand von 4.000 Wohnungen sei
normal in einer Stadt von der Größe Westberlins.
Um die Mittagszeit ein Gespräch
mit der Senatorin für Gesundheit, Soziales und Familie, der gerade
herausredende Hanna-Renate Laurien. Probleme werden angerissen. Zum Beispiel
die Abschaffung der Mengenlehre in Baden-Württemberg. Dr. Laurien: „Ich finde
dieses Abschaffen wirklich falsch." - Weit über 100.000 Türken leben in
Berlin. Eine Zahl aus dem Schulleben: „Wenn alle unsere Ausländerkinder in
Berlin Deutsche wären, dann brauchten wir für die Schulung dieser Kinder 565
Planstellen. Wir verwenden aber 3.700 Planstellen."
Ein Kernsatz der konservativen
Politikerin Laurien: „Wir versuchen Grundschullehrern beizubringen, dass
Leistung kein Porno-Wort ist."
Letztes Politikergespräch an
diesem Tage: Gesprächspartner ist Ulf Fink, der Berliner Sozialsenator, auch
zuständig für die Alternative Szene. Fink sieht in der Szene einen
„konservativen Grundzug" und behauptet, dass es soweit kommen werde, dass
CDU und Alternative erkennen werden, „hier haben sich zwei Verwandte
entdeckt". Ein „Wertkonservativer", der auch keine Berührungsängste
zu Erhard Eppler haben will. Fazit bei den Senatoren: sie glauben derzeit
nicht an eine Koalition der CDU mit der FDP in der Stadt Berlin.
Am Abend ein Essen in Kreuzberg.
Und danach die U-Bahn-Fahrt zurück. Demonstrationen am Bahnhof Zoo; Polizei,
irgendwo brennt es. Ich habe keinen Personalausweis dabei. In Berlin ist das
Führen des Ausweises Pflicht - Vorschrift der Alliierten. Also nichts wie weg.
Meine Lust, auf einem Polizeirevier zu sitzen, ist gering.
Dritter Tag
Eine Fahrt mit der S-Bahn vom
Lehrter Bahnhof zum Bahnhof Friedrichstraße hat im letzten Moment etwas Beklemmendes:
in den Ostteil der Stadt Berlin. Die Massenkontrolle an der „Grenze" im
Bahnhof Friedrichstraße hat für mich dafür etwas Komisches. Ich muss an
Kontrollen auf den Straßen im Westen denken - zur Zeit der Terroristenfahndung.
Das sah damals gefährlicher aus. In Ostberlin sind die Kontrollen nur spießig.
Hartes, preußisches Beamtentum schimmert auf den Gesichtern der Kontrolleure.
Schlagzeile des „Neuen
Deutschland“ in Ost-Berlin - an diesem Donnerstag: „Zusammenarbeit DDR - VDR
Laos wird weiter ausgebaut / Erich Honecker und Kaysone Phomvihane
unterzeichneten Freundschaftsvertrag."
Die Schlagzeile der „Berliner Morgenpost" in West-Berlin: „Drei Tage vor der Hessen-Wahl Krach bei den Liberalen / Letzte Umfrage: FDP nur noch 2,3 Prozent."
Ein völlig unterschiedliches
Denken in den politischen Köpfen der beiden Deutschland.
„Unter den Linden“ spazieren zu
gehen zeigt viel von dem, was Berlin einst war. Die Prachtbauten von einst, neu
im alten Stil wiederaufgebaut. Zum Beispiel die Deutsche Staatsoper, das Zeughaus,
Schinkels „Neue Wache" oder die Deutsche Staatsbibliothek. Nahezu
lächerlich und muffig wirkt dagegen der modernistische „Palast der Republik"
am Marx-Engels-Platz, auf jenem Gelände, auf dem einst das Berliner Schloss
stand.
Ähnlich Hässliches wie diesen
„Palast im deutschen Wohnzimmer-Stil von Kleinbürgern fabrizierten auch
Architekten im „Goldenen Westen“. Fernsehturm, Alexanderplatz, Brandenburger
Tor sind Stationen für den Touristen. Aber auch das Centrum-Warenhaus; um zu
sehen, was der Ostberliner sich leisten kann.
In der „Ständigen Vertretung der
Bundesrepublik Deutschland bei der DDR" wird über die Zentimeter-Arbeit
beim Vortwärtskommen in deutsch-deutschen Fragen diskutiert. Ein steiniger
Acker wird dort zu pflügen versucht - aus der Einsicht in die Notwendigkeit,
dass die deutsche Frage noch nicht gelöst sein kann. Die Erwartungshaltung von
DDR- Bürgern ist groß, von jenen, die allabendlich dank des Fernsehens via
Glotze in den Westen emigrieren.
Letzter Eindruck aus dem Ostteil:
Da kann noch viel saniert werden; viel von alter, wunderschöner Bausubstanz
ist weitestgehend erhalten. Aber dazu fehlt auch im „real existierenden
Sozialismus" das Geld.
Vierter Tag
Ein Besuch in der schon seit
Jahren von Krisen geschüttelte Königlichen Porzellan-Manufaktur. 460
Mitarbeiter zählt das Unternehmen, das der Stadt West-Berlin gehört. 40 Ausbildungsplätze
sind vorhanden. Die Ausbildung eines Keramikmalers zum Beispiel kostet 120.000
bis 150.000 Mark. Da wird Porzellan gezeigt, von dem der Normalmensch maximal
träumen kann. Die Kaufpreise sind für Sterbliche in unserer Krisenzeit nicht zu
bezahlen.
Ein Reichstag-Besuch lässt den
Blick nach Ostberlin schweifen; die Orte, an denen ich gestern vorbeigelaufen
bin, sind nur ein Steinwurf entfernt, jetzt von mir durch Todesstreifen und
Mauer getrennt.
Deutsche Geschichte in der
Reichstag-Ausstellung unter dem Motto „Fragen an die Deutsche Geschichte".
- Ideen, Kräfte, Entscheidungen von '1800 bis zur Gegenwart‘ lautet der
Untertitel. Eine Monumental-Ausstellung, durch die in zwei Stunden nur im
Laufschritt gehetzt werden kann. Wir sehen das Fenster im Reichstag;
Scheidemann rief von hier die Deutsche Republik aus. Jeder Platz hier ist
Plakat für deutsche Geschichte.
In Berlin wird man ständig damit
konfrontiert. Es weht ein Traum von staatlicher Einheit wie ein kalter Wind
über der Stadt. Und an der Mauer ist zu lesen: „Stell Dir vor, es ist Krieg -
und Dein Fernseher ist kaputt."
Auf dem Rückflug sitzt die
Mannschaft von Hertha BSC im Flugzeug. Ich weiß nicht mehr, ob sie an diesem
Wochenende in Stuttgart gewonnen hatte. Die Fußballerprofis waren nur sehr laut
in ihren Unterhaltungen - lauter als die anderen Passagiere im Flugzeug der
British Airways.
Bundesdeutscher Alltag hat mich
wieder. Die Maschine rumpelt nicht so stark wie jene beim Hinflug - jene der Pan
Am. In meinem Kopf purzelten Gedanken lautdröhnend durcheinander. Der
deutsche Zeitgeist in Berlin ist lauter als bei uns in „Westdeutschland“
- wie die Berliner zu sagen pflegen. Hoffentlich bleibt er weiterhin so laut.
Neckar-Express, Nummer 44, 4.
November 1982, Seite 8
Rhein-Neckar-Zeitung, 5. November
1982
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