Donnerstag, 13. Februar 2014

Berlin Reise 1982

Eine Reise in die geteilte Stadt
Vier Tage in Berlin

Von Jürgen Dieter Ueckert


Am Anfang stand eine Einla­dung der CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Renate Hellwig. Im August dieses Jahres flatter­te sie auf den Redaktionsschreibtisch. Wenige Wochen später teilte „Der Bevollmächtigte der Bundesregierung in Berlin - Abteilung Innerdeutsche Bezie­hungen" mit, wie die vier Tage vom 21. bis 24. September 1982 in Berlin grob umrissen verlebt werden sollen.


Empfänger waren jene Leute, die „Ja" zu dieser Einladung nach Berlin sagen durften: neunzehn Journali­sten aus dem Wahlkreis der Bundestagsabgeordneten des Neckar-Zaber-Wahlkreises und auch anderen Teilen der Bun­desrepublik.

Der offizielle Reise-Titel:  Eine „Informationsreise für Journalisten auf Vorschlag der Bundestagsabge­ordneten Frau Dr. Renate Hellwig". Eine anstrengende, dafür aber auch sehr informati­ve Reise wurde es. Gedanken­splitter — Erinnerungen an ei­nen Aufenthalt in der ehemali­gen „Reichshauptstadt Berlin" im Herbst 1982.


Erster Tag


Der Flug mit einer reichlich alten Maschine von Stuttgart nach Berlin bei sonnigem Wet­ter war weniger angenehm als jener, den ich wenige Wochen zuvor nach Spanien gemacht hatte. Es rumpelte ab und zu kräftig in der Luft - und dann beim Landen besonders. Dafür war aber der Blick genauso her­vorragend und klar wie vormals jener über die sonnigen Land­schaften des Südens. Aus 7.000 Meter Höhe deutsche Landschaften betrach­tend fragte ich mich willkür­lich, welcher Irrsinn dieses Deutschland geteilt hatte, wel­che Einfalt und Unmenschlich­keit Grenzen dieser Brutalität gemacht haben.


Nur eine Ver­krüppelung von Gedanken und deren Ausfluss im Handeln, die panische Angst, kann derart Perverses hervorbringen. Aus der Luft betrachtet, sind Proble­me immer ganz klein, Men­schen kriechende Wesen - die globale Lösung ganz nahe. Ber­lin von oben gesehen - der To­desstreifen, die Mauer, das wirkt aus dieser Perspektive; wahrhaft überflüssig.


Aber den Hauptausgang am Flughafen Tegel zu finden, das heißt eine Überwindung moderner Archi­tektur herzustellen - die Überwindung ganz anderer Betonmauern.

Nach der Unterbringung im Hotel ein Essen mit dem Ministerialdirigenten Dr. Horst Winkelmann, dem Leiter der Abteilung inner­deutsche Beziehungen beim Bevollmächtigten der Bundesregierung in Berlin. In eine französisierten Kneipe auf dem Kurfürstendamm mit dem infla­tionär verbrauchten Namen „Bistro“. Fazit des „Dirigen­ten“: das Ost-West-Klima der­zeit sei „sehr gut".


Eine Rund­fahrt durch Westberlin und eine Schiff-Fahrt auf dem Wannsee lässt Erinnerungen an Histori­sches, an Gelerntes aufkommen. Die Enklave Steinstücken wird besucht, Baldur von Schirachs Heimstatt als Reichsjugendführer in der Heerstraße ist zu sehen, das neue Kongresszen­trum, der Funkturm - eine Stadtrundfahrt mit Altbekann­tem.


Am Abend lädt der Berli­ner Senat zu einem Theaterbe­such ins Theater des We­stens: „Evita“, das Musical über das Leben der Evita Peron. Die nicht ganz geglückte Ver­herrlichung der Ehegattin eines faschistischen Staatspräsi­denten von Argentinien. 33-jährig war sie 1952 an Leukämie in Buenos Aires gestorben. Man­che der Songs gehen ins Ohr.


Theaterbesucher schimpfen lauthals während der Aufführung, weil die gesungenen Tö­ne über Lautsprecher kommen. Eine schlechte Aufführung. Und dabei ist es die Original-Inszenierung von Harold Prince, ins Deutsche übertragen - einst uraufgeführt in New York. Zwei Tage später gibt's einen schö­nen Verriss in der FAZ zu lesen. Und ein Freund behauptet, dass ihm die deutsche Erstauffüh­rung in Berlin besser gefallen habe als die Uraufführung in New York. Ich war nur in Berlin.


Zweiter Tag


Um 8.30 Uhr treffen sich jene Journalisten, die nach Berlin kommen konnten - einige an­dere mussten die Reise kurzfri­stig wegen der Bonner Regie­rungskrise absagen. Beim Innensenator Bürgermeister Heinrich Lummer. Es ist, der Jahrestag des Unfalls mit tödli­chem Ausgang: Jürgen Ratay. Hauptgegenstand des Ge­sprächs ist natürlich die Hausbesetzerszene, die Wohnungs­not in West-Berlin.

Eine Stadt mit knapp zwei Millionen Einwoh­ner hat eine Million Wohnun­gen. Für zwei Leute eine Woh­nung. Das gibt's im ganzen Bundesgebiet nicht. Aber der Wohnungsbestand ist uralt, heutigen Ansprüchen nicht mehr gerecht, Lehren für den Innensenator aus der Not?


„Die Altbesetzungen räumen wir erst, wenn sie einer sinnvollen Verwendung zugeführt wer­den. Die Neubesetzungen räumen wir sofort. Nicht Räumung um des Leerstandes willen, sondern Räumung um der sinnvollen Nutzung. Wenn einer das Problem generell beseitigen will, muss er den Leerstand be­seitigen.“ - Der Leerstand belief sich auf 10.000 Wohnungen Mitte des vergangenen Jahres. Und der ist jetzt abgebaut auf etwa 7.000 Wohnungen. „Auf Null wird der nie kommen." 

Ein Leerstand von 4.000 Wohnungen sei normal in einer Stadt von der Größe Westberlins.

Um die Mittagszeit ein Gespräch mit der Senatorin für Gesund­heit, Soziales und Familie, der gerade herausredende Han­na-Renate Laurien. Probleme werden angerissen. Zum Bei­spiel die Abschaffung der Men­genlehre in Baden-Württem­berg. Dr. Laurien: „Ich finde dieses Abschaffen wirklich falsch." - Weit über 100.000 Tür­ken leben in Berlin. Eine Zahl aus dem Schulleben: „Wenn al­le unsere Ausländerkinder in Berlin Deutsche wären, dann brauchten wir für die Schulung dieser Kinder 565 Planstellen. Wir verwenden aber 3.700 Plan­stellen."


Ein Kernsatz der kon­servativen Politikerin Laurien: „Wir versuchen Grundschulleh­rern beizubringen, dass Leistung kein Porno-Wort ist."


Letztes Politikergespräch an diesem Tage: Gesprächspartner ist Ulf Fink, der Berliner Sozialsena­tor, auch zuständig für die Al­ternative Szene. Fink sieht in der Szene einen „konservativen Grundzug" und behauptet, dass es soweit kommen werde, dass CDU und Alternative erkennen werden, „hier haben sich zwei Verwandte entdeckt". Ein „Wertkonservativer", der auch keine Berührungsängste zu Er­hard Eppler haben will. Fazit bei den Senatoren: sie glauben derzeit nicht an eine Koalition der CDU mit der FDP in der Stadt Berlin.


Am Abend ein Essen in Kreuzberg. Und da­nach die U-Bahn-Fahrt zurück. Demonstrationen am Bahnhof Zoo; Polizei, irgendwo brennt es. Ich habe keinen Personalaus­weis dabei. In Berlin ist das Führen des Ausweises Pflicht - Vorschrift der Alliierten. Also nichts wie weg. Meine Lust, auf einem Polizeirevier zu sitzen, ist gering.


Dritter Tag


Eine Fahrt mit der S-Bahn vom Lehrter Bahnhof zum Bahnhof Friedrichstraße hat im letzten Moment etwas Beklem­mendes: in den Ostteil der Stadt Berlin. Die Massenkontrolle an der „Grenze" im Bahnhof Friedrichstraße hat für mich da­für etwas Komisches. Ich muss an Kontrollen auf den Straßen im Westen denken - zur Zeit der Terroristenfahndung. Das sah damals gefährlicher aus. In Ostberlin sind die Kontrollen nur spießig. Hartes, preußisches Beamtentum schimmert auf den Gesichtern der Kontrolleure.


Schlagzeile des „Neuen Deutschland“ in Ost-Berlin - an diesem Donnerstag: „Zusammenarbeit DDR - VDR Laos wird weiter ausge­baut / Erich Honecker und Kay­sone Phomvihane unterzeichne­ten Freundschaftsvertrag."


Die Schlagzeile der „Berliner Morgenpost" in West-Berlin: „Drei Tage vor der Hessen-Wahl Krach bei den Liberalen / Letzte Umfrage: FDP nur noch 2,3 Pro­zent."


Ein völlig unterschied­liches Denken in den politi­schen Köpfen der beiden Deutschland.

„Unter den Lin­den“ spazieren zu gehen zeigt viel von dem, was Berlin einst war. Die Prachtbauten von einst, neu im alten Stil wieder­aufgebaut. Zum Beispiel die Deutsche Staatsoper, das Zeug­haus, Schinkels „Neue Wache" oder die Deutsche Staatsbiblio­thek. Nahezu lächerlich und muffig wirkt dagegen der mo­dernistische „Palast der Repu­blik" am Marx-Engels-Platz, auf jenem Gelände, auf dem einst das Berliner Schloss stand.


Ähnlich Hässliches wie diesen „Palast im deutschen Wohnzimmer-Stil von Kleinbürgern fabrizierten auch Architekten im „Goldenen We­sten“. Fernsehturm, Alexanderplatz, Brandenburger Tor sind Stationen für den Touri­sten. Aber auch das Centrum-Warenhaus; um zu sehen, was der Ostberliner sich leisten kann.


In der „Ständigen Vertre­tung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR" wird über die Zentimeter-Arbeit beim Vortwärtskommen in deutsch-deutschen Fragen diskutiert. Ein steiniger Acker wird dort zu pflügen versucht - aus der Einsicht in die Notwen­digkeit, dass die deutsche Frage noch nicht gelöst sein kann. Die Erwartungshaltung von DDR- Bürgern ist groß, von jenen, die allabendlich dank des Fernse­hens via Glotze in den Westen emigrieren.


Letzter Eindruck aus dem Ostteil: Da kann noch viel saniert werden; viel von alter, wunderschöner Bausub­stanz ist weitestgehend erhal­ten. Aber dazu fehlt auch im „real existierenden Sozialis­mus" das Geld.


Vierter Tag


Ein Besuch in der schon seit Jahren von Krisen geschüttelte Königlichen Porzellan-Manu­faktur. 460 Mitarbeiter zählt das Unternehmen, das der Stadt West-Berlin ge­hört. 40 Ausbildungsplätze sind vorhanden. Die Ausbildung eines Keramikmalers zum Bei­spiel kostet 120.000 bis 150.000 Mark. Da wird Porzellan ge­zeigt, von dem der Normalmensch maximal träumen kann. Die Kaufpreise sind für Sterbli­che in unserer Krisenzeit nicht zu bezahlen.


Ein Reichstag-Besuch lässt den Blick nach Ost­berlin schweifen; die Orte, an denen ich gestern vorbeigelau­fen bin, sind nur ein Steinwurf entfernt, jetzt von mir durch Todesstreifen und Mauer getrennt.


Deutsche Geschichte in der Reichstag-Ausstellung unter dem Motto „Fragen an die Deutsche Geschichte". - Ideen, Kräfte, Entscheidungen von '1800 bis zur Gegenwart‘  lautet der Untertitel. Eine Monumen­tal-Ausstellung, durch die in zwei Stunden nur im Laufschritt gehetzt werden kann. Wir se­hen das Fenster im Reichstag; Scheidemann rief von hier die Deutsche Republik aus. Jeder Platz hier ist Plakat für deutsche Geschichte.


In Berlin wird man ständig damit konfrontiert. Es weht ein Traum von staatlicher Einheit wie ein kalter Wind über der Stadt. Und an der Mau­er ist zu lesen: „Stell Dir vor, es ist Krieg - und Dein Fernseher ist kaputt."


Auf dem Rückflug sitzt die Mannschaft von Hertha BSC im Flugzeug. Ich weiß nicht mehr, ob sie an diesem Wochenende in Stuttgart gewonnen hatte. Die Fußballerprofis waren nur sehr laut in ih­ren Unterhaltungen - lauter als die anderen Passagiere im Flugzeug der British Airways.


Bundesdeutscher Alltag hat mich wieder. Die Maschine rumpelt nicht so stark wie jene beim Hinflug - jene der Pan Am. In meinem Kopf purzelten Gedanken lautdröhnend durch­einander. Der deutsche Zeit­geist in Berlin ist lauter als bei uns in „Westdeutschland“  - wie die Berliner zu sagen pflegen. Hoffentlich bleibt er weiterhin so laut.


Neckar-Express, Nummer 44, 4. November 1982, Seite 8

Rhein-Neckar-Zeitung, 5. November 1982