Sonntag, 23. März 2014

Berlin Kommentar 1991

Berlin – eine deutsche Hauptstadt?


Von Jürgen Dieter Ueckert

Berlin als deutsche Hauptstadt war seit 1871 nicht nur, aber auch ein Kasernenhof, dessen Kadavergehorsam des Weltmacht spielenden kleindeutschen Hohenzollernreichs die deutsche Götterdämmerung vorzubereiten half.

Berlin als deutsche Hauptstadt war danach nicht nur, aber auch Tummelplatz linker, rechter und vor allem mittelmäßiger Politik der fiebernden Weimarer Republik, die geistige Brutstätte für die Schlachthöfe des mörderischen Naziregimes, die hochsubventionierte Frontstadt des Westens und grausame Verwaltungsmetropole des verbrecherischen SED-Regimes.

Bonn dagegen steht für mehr als 40 Jahre parlamentarische Demokratie in Deutschland und für die Tradition eines gesamtdeutschen Rechtsstaates der Paulskirche.

Zugegeben – eine harsche Begründung für die demokratische Tradition der Bonner Bundesrepublik Deutschland, eine Begründung, die gegen ein Deutschland autoritärer und zentralistischer Prägung mit Wasserkopf-Kapitale Front machen will.

Berlin ist Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland Ost und West, wie im Einigungsvertrag festgelegt. Noch ist Bonn Regierungs- und Parlamentssitz für das gesamte Deutschland.

Aber das neue, 1990 entstandene Deutschland hätte jetzt einen Bruch mit einer unseligen Berliner Hauptstadt-Tradition nötig, weil die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer kurzen Tradition westlicher Prägung von Demokratie in Staat und Gesellschaft erfolgserprobt und zukunftsversprechend ist.

Was interessieren da Sonntagsreden von Politikern aus der Nachkriegszeit in der alten Bundesrepublik, die heute nur noch das sind, was sie immer waren: Sonntagsreden eben. Die Zeiten wandeln sich. Und der Alltag in der neuen Bundesrepublik Deutschland hat uns schon längst eingeholt.

Deutschlands Zukunft ist auf den Werten jener erfolgreichen, westlich orientierten deutschen Politik gegründet, für die Bonn steht.

Das verpflichtet
– für den gesamtdeutschen Regierungs- und Parlamentssitz in Bonn. Und daneben haben wir ja noch die vertraglich festgelegte deutsche Hauptstadt und Metropole Berlin.

Der Autor ist Leitender Redakteur Aktuell bei Radio Regional Heilbronn.
Heilbronner Stimme, 22. Juni 1991

Berlin Reise 1984

Notizen von einer Journalisten-Reise im April 1984

Berlin – eine Hauptstadt-Sehnsucht
Von Jürgen Dieter Ueckert

Begrüßung in Berlin-West: Die Berliner Morgenpost, ein in Hotels und Flugzeugen herumliegendes Blatt aus dem Springer-Verlag, aber auch eine vielgelesene Tageszeitung, führt täglich einen Leitspruch im Titelkopf. Dienstag, 3. April 1984, stammt der Spruch von Seneca, dem römischen Philosoph: „Was nützt es Dir, keinen Mitwisser zu haben, da Du ein Gewissen hast?“

Ein guter Auftakt für eine Journalisten-Reise nach Berlin? Zumindest ein passender Spruch für die berechtigte und notwendige Berlin-Propaganda der Bundesregierung in Bonn. Auf der ersten Seite der Berliner Morgenpost wird Matthias Kleinert, der politische Staatssekretär im Stuttgarter Staatsministerium von Lothar Späth, unter der Überschrift „Späths Doppelgänger“ vorgestellt. Schwäbisches in Berlin – oder umgekehrt. Zu lesen ist dort, dass „dieser wohl engste Mitarbeiter Späths (…) 1938 an der Spree geboren“ wurde – und „nur Kleinerts Ehefrau und zwei Kinder vermissen den so emsig schaffenden Vater“. Und wenn er Zeit habe, fliege er „deshalb rasch mal nach Berlin. Dort hat die Familie Kleinert nicht nur einen Koffer, sondern ein ganzes stehen“. - Und was steht bei ihm in Stuttgart? Noch’n Koffer?

Im Berliner Lokalfernsehen wird der Festakt im Rathaus Schöneberg übertragen, bei dem Bundespräsident Professor Karl Carstens die Würde eines Ehrenbürgers von Berlin verliehen wird. Das April-Wetter spielt verrückt; Schnee und Dauerregen werden aus der Bundesrepublik gemeldet. Auch der Präsident leidet in Berlin –unter einer schweren Grippe: Schwächeanfall. Sein Anfall wird live übertragen – und in den abendlichen Fernsehnachrichten sorgsam wiederholt. Die Nation soll an der Erkältung ihres Staatsoberhauptes teilhaben? Das DDR-Fernsehen ist sehr "sozialistisch" und noch provinzieller – aber das Westberliner Regionalprogramm ist auch sehr provinziell. Weltstadt perdu.

Klar. Eine Stadtrundfahrt durch West-Berlin gehört zum Ablauf des Berlin-Programms. Es gibt Gegenden in der ehemaligen Reichshauptstadt, in denen gearbeitet werde, in anderen gehe man einer Beschäftigung nach. „Und hier hat man zu tun“, sagt unser  Stadterklärer, ein „freier Mitarbeiter des Gesamtdeutschen Instituts“. Wir befinden uns bei diesem witzig gemeinten Satz in Dahlem, einem Villen-Stadtteil.

Wenig später steuern wir das "Kriegsverbrechergefängnis" in Spandau an, die „Haftanstalt der Alliierten“, so der offizielle Titel. Russen, Amis, Franzosen und Engländer wechseln sich ab – in der Bewachung des 90-jährigen Rudolf Heß, ein Partei-Stellvertreter von Adolf Hitler.

Heß hat gebüßt – von 1945 bis heute. Mehr als genug. „Isolationsfolter“. Hier passt das ansonsten oft missbrauchte Wort. 36 Jahre Haft in Spandau. Zuvor, seit 1941, in Großbritannien. Das ist für einen Greis in seinem Alter ungerecht und unmenschlich. Aber die Alliierten demonstrieren damit ihre Hoheitsrechte. Die Sowjetunion will nicht – und die anderen drei können deshalb nicht – mit ihrer Humanität. Wenige Tage später wird das Bundesverfassungsgericht eine Heß-Verfassungsbeschwerde wegen mangelnder Aufsicht auf Erfolg ablehnen. Wie oft noch? Und wer bewacht dann in Spandau noch was?

Die Ausreisepolitik der DDR lässt die einen in der Bundesrepublik politisch über ihrer Deutschland-Politik jubeln, andere sehr nachdenklich werden. Wessen entledigt sich die Staatsführung im kommunistischen Teil Deutschlands da? Nichts, was politisch dort drüben geschieht, sei dem Zufall, einer momentanen Laune der Mächtigen, überlassen. Alles sei in eine langfristig durchdachte politische Strategie eingebettet. So und ähnlich spricht der Senator für Bundesangelegenheiten in Westberlin, Professor Dr. Rupert Scholz, anlässlich eines Mittagessens mit uns Journalisten.

Wen also schickt die DDR dann in den Westen? Das kommunistische Kuba ließ vor Jahren Menschen aus seinen Gefängnissen frei. Später stellte sich heraus, dass die Kommunisten ihre Irrenanstalten von Kranken und ihre Gefängnisse von Kriminellen befreit hatten. Aus humanitären Gründen? Kuba entledigte sich unbequemer Esser, der kommunistische Staat Menschen, die mit der Zeit zu teuer wurden. Die USA hatte mit diesen nicht-politisch-verfolgten Kubanern ein Problem mehr.

Ähnliches wird in unseren Journalisten-Fragen zur Ausreisepraxis der DDR an Rupert Scholz formuliert. Entledigt sich die DDR seiner politisch unbequemen Bürger, weil sie im „Sozialismus“ nicht gesellschaftsfähig, weil sie politischer Sprengstoff sind, der nicht zu entschärfen ist? Werden bei uns in der Bundesrepublik angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen damit Ressentiments geschürt – gegen „unsere Brüder und Schwestern von drüben“? Wie viele Spione können dabei sein, die bundesdeutsche Spitzentechnologie billig transferieren – demnächst? Bekommen wir in der Bundesrepublik nach der Türken- und der Asylanten-Problematik eine neue Dimension der Deutschen-Problematik? Oder wird die DDR so brutal schlau sein, wenn es ihr einmal zu viel werden sollte, den Hahn wieder zuzudrehen? – Wie viel alltägliches Leid verschwindet doch hinter dem Berg solch rationaler Argumente.

Der Spruch in der Berliner Morgenpost: „Freundschaft besteht, wenn jeder Freund glaubt, dem anderen gegenüber eine leichte Überlegenheit zu haben.“ Der Satz, beim Verzehr des Frühstückseis zu lesen, stammt von Honoré de Balzac. Ostberlin steht heute auf dem Tagesprogramm – eine „Informationsfahrt“. Die „ehemalige City“ Berlins, so heißt es in einem Faltblatt dümmlich. Diese Berlin-„City“ war nie eine, sondern ist und bleibt der Stadtkern Berlins. Das kommunistische Ostberlin baut in ungeahntem Tempo wieder auf. Ein gigantisches Wohnungsprogramm wird durchgezogen. Aus der gesamten DDR werden die Bauarbeiter in die „Hauptstadt der Republik“ geholt.

Die DDR ist ehrgeizig um die „Neugestaltung des Berlins“ im sozialistischen Teil der Stadt besorgt. Aufbauarbeit im ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden: Man besitzt viel Halbzerstörtes, Ruinen, die wieder herstellbar sind – noch nicht mit der heftigen Wirtschaftswunderwut überbaut. Der Gendarmenmarkt, heute „Platz der Akademie“, mit Schauspielhaus, deutschem und französischem Dom ist eine Großbaustelle, lässt schon erkennen, welch imposante Platzgestaltung alter preußischer Strenge und Schönheit sich hier Bahn brechen wird.

Hauptstadt-Gefühle? Unter den Linden, die Museumsinsel, der Berliner Dom, der neue Friedrichsstadt-Palast, der Alex(ander-Platz), das Zeughaus – im Osten der Stadt liegt der Kern Berlins. Zeugnisse alter Reichshauptstadt-Herrlichkeit. Aber die neuen Herren sind nicht Herrscher im eigenen Land. Deutschland ist geteilt – und Berlin ist das lebendige Symbol dafür. Wer Berlin kennen will, der muss den Osten gesehen haben.

Zum hässlichen Teil des Aufbauwillens der DDR gehören modernistisch hochgezogene Wohnblocks, in denen Seelenkrankheiten mit eingeplant sind. Prägnanter Ausdruck von der Unwirtlichkeit einer Stadt. Modernität als Hybris. Wie bei uns im Westen. Idyllen dagegen sind die Stalin-Allee, einst viel gescholten, heute Karl-Marx-Allee, mit ihren Zuckerbäcker-Wohnblocks; der Treptower Park mit dem sowjetischen Ehrenmal; Köpenick mit seinem Schloss und seinem Hauptmann aus Geschichte und Theatern/Filmen.

Zwölf Bezirke hat Berlin-West. Jeder größer oder nahezu gleichgroß an der Anzahl von Einwohnern wie die gesamte Stadt Heilbronn. Neukölln besitzt 280.000 Einwohner, Tiergarten als kleinster nur 74.000. Über die Hausbesetzer-Szene spricht niemand mehr. Auf der einen Seite spaltet diese Szene sich in alternative Lebens- und Wirtschaftsformen, auf der anderen Seite liefert sie frisches Potential für neue Outsider, Penner, etc. - Westberlin in der Tradition: Berlin seit jeher als Schmelztiegel.

Westberlin - die größte türkische Siedlung außerhalb der Türkei. Die Politik versucht Konflikte zu entschärfen. Die Schulsenatorin Dr. Hanna-Renate Laurien erzählt von einem „intelligenten, türkischen Kopftuch-Mädchen“, das sich weigerte, am Turnunterricht teilzunehmen. Der Grund: Es könnten ja Männer bei ihrem Turnen zuschauen. Aber ohne Sportnote gibt es kein Abitur. In einem Gespräch mit Frau Laurien sagte das Mädchen: „Frau Senatorin, ich will nicht die Verdorbenheit der Deutschen.“ – Auf den Einwand, dass auch in der Türkei Sport für Mädchen Pflichtfach sei, antwortete sie: „Deshalb sind wir nach Deutschland ausgewandert.“

Die Senatorin hat als Politikerin gewährleistet, dass dieses Kopftuch-Mädchen ihr Abitur machen kann. In einem abgeschlossenen Raum wird sie vor Sportlehrerinnen turnen. So bekommt sie wenigstens ihre Mindestpunkte. Der Zündstoff für eventuelle Hetzartikel in türkischen Zeitungen ist nass geworden. Hanna-Renate Laurien: In Diktaturen wird verfolgt, gefoltert und getötet, wenn jemand anderer Ansicht ist.

„Hanna Granata“, Frau Lauriens Spitzname in Berlin. Im Schwange war er besonders, als sie sich um den Posten des Regierenden Bürgermeisters innerhalb der CDU als Nachfolgerin Richard von Weizsäckers bemühte. Sie unterlag einem Herrn Diepgen.

Im nächsten Jahr sind in Westberlin Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Frau Laurien hat einen Wahlkreis – „in Schöneberg, das ist klar“. Auch eine Berliner Eigentumswohnung besitzt sie jetzt. Bernhard Vogel, in dessen Kabinett sie in Rheinland-Pfalz vor ihrer Zeit saß, hat ihr dazu 25.000 Mark geborgt, zinslos – wie sie stolz erzählt. „Fünftausend sind erst zurückgezahlt.“ – Und dann bemerkt die Neuberlinerin noch dankbar: „Det soll man sich ma suchen.“

„Hanna Granata“ will jedoch in Berlin weiterkämpfen. Die Wahlen sind ja schließlich nach der Aufstellung des neuen SPD-Kandidaten Hans Apel noch nicht für die Christdemokraten gewonnen. „Man muss immer vom Zustand ausgehen - in Berlin ist nicht wie in Baden-Württemberg und Bayern die absolute Mehrheit sicher.“

Der Senator für Arbeit und Betriebe, Edmund Wronski, hatte es einst vom Volksschüler zum Siemens-Manager gebracht. Darauf ist er stolz. Die Alternative Liste, sozusagen die grüne Partei von Westberlin, die mit 7,2 Prozent der Stimmen 1981 ins Abgeordnetenhaus eingezogen war, ist für Wronski kein Partner. Mit der „AL“ würde er niemals zusammenarbeiten. Sie ist für ihn keine demokratische Gruppierung: „Denn sie machen wie einst die Nazis das Parlament lächerlich.“

„Am Donnerstag, den 5. April 1984, wurde mit den Ja-Stimmen der AL und fast aller SPD-Abgeordneter der AL-Abgeordnete Köppl in das elfköpfige Parlamentspräsidium gewählt. Seine Wahl war bei zahlreichen Gegenstimmen (…) bei einer genügenden Anzahl von Enthaltungen aus dem Lager der Koalition gesichert.“ - Eine Meldung aus Der Tagesspiegel, einer liberal-konservativen Westberliner Tageszeitung.

Das Nachtleben in Westberlin: Ein Leben für Touristen und andere Reisende. Arbeitendes Volk muss auch in Berlin früh aus den Federn. Wer vom Berliner Nachtleben profitieren will, darf eben kaum arbeiten – muss vielleicht arbeitslos, Student, Baulöwe oder Aussteiger sein, wenn auch nur ein touristischer. Berliner Nachtleben also kann nur für jene interessant sein, für die der Tag langweilig war.

Das schöne und gute Abendleben der Stadt: die vielen Theater. Man spielt derzeit in den Sprechtheatern viel Anton Tschechow. „Onkel Wanja“ und „Die drei Schwestern“. Sehnsüchte nach verlorenen, nie richtig dagewesenen, heilen Zeiten – als die Umwelt und das „Ich" noch in Ordnung waren. Beim Russen werden diese Süchte formuliert. Berlins Sehnsucht nach der Hauptstadtfunktion Deutschlands? Eine Funktion, die Berlin als Stadt nur knapp achtzig Jahre innehatte. Von 1871 bis 1945.

Berlin liegt in der Ebene des norddeutschen Flachlandes und wird von einem der märkischen Urstromtäler durchzogen. Die durchschnittliche Höhe über Normalnull beträgt 34 Meter. Höchste Erhebungen sind der Größe Müggelberg im Ostteil mit 115 Meter und der 120 Meter hohe Trümmerberg am Teufelssee im Westteil der Stadt. Die Stadt liegt im Grenzbereich kontinentaler und atlantischer Großräume und ist umgeben von ausgedehnten Wald- und Wasserflächen.

Berlin ist mit einer Bodenfläche von 883 Quadratkilometern die größte deutsche Stadt. Ihr Westteil umfasst mit 480 Quadratkilometern rund 54,4 Prozent der Gesamtfläche. Die Nord-Süd-Ausdehnung von ganz Berlin beträgt etwa 38 Kilometer, die Ost-West-Ausdehnung rund 45 Kilometer. Das Stadtgebiet besteht aus 40 Prozent Grün- und Wasser-Flächen. 1980 zählte Westberlin rund 1,998 Millionen Einwohner. In Ostberlin wohnten 1979 rund 1,13 Millionen Menschen. Bei Kriegsbeginn 1939 zählte Berlin 4,3 Millionen Einwohner.

Neckar-Express, Donnerstag, 12. April 1984

Donnerstag, 13. Februar 2014

Berlin Reise 1982

Eine Reise in die geteilte Stadt
Vier Tage in Berlin

Von Jürgen Dieter Ueckert


Am Anfang stand eine Einla­dung der CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Renate Hellwig. Im August dieses Jahres flatter­te sie auf den Redaktionsschreibtisch. Wenige Wochen später teilte „Der Bevollmächtigte der Bundesregierung in Berlin - Abteilung Innerdeutsche Bezie­hungen" mit, wie die vier Tage vom 21. bis 24. September 1982 in Berlin grob umrissen verlebt werden sollen.


Empfänger waren jene Leute, die „Ja" zu dieser Einladung nach Berlin sagen durften: neunzehn Journali­sten aus dem Wahlkreis der Bundestagsabgeordneten des Neckar-Zaber-Wahlkreises und auch anderen Teilen der Bun­desrepublik.

Der offizielle Reise-Titel:  Eine „Informationsreise für Journalisten auf Vorschlag der Bundestagsabge­ordneten Frau Dr. Renate Hellwig". Eine anstrengende, dafür aber auch sehr informati­ve Reise wurde es. Gedanken­splitter — Erinnerungen an ei­nen Aufenthalt in der ehemali­gen „Reichshauptstadt Berlin" im Herbst 1982.


Erster Tag


Der Flug mit einer reichlich alten Maschine von Stuttgart nach Berlin bei sonnigem Wet­ter war weniger angenehm als jener, den ich wenige Wochen zuvor nach Spanien gemacht hatte. Es rumpelte ab und zu kräftig in der Luft - und dann beim Landen besonders. Dafür war aber der Blick genauso her­vorragend und klar wie vormals jener über die sonnigen Land­schaften des Südens. Aus 7.000 Meter Höhe deutsche Landschaften betrach­tend fragte ich mich willkür­lich, welcher Irrsinn dieses Deutschland geteilt hatte, wel­che Einfalt und Unmenschlich­keit Grenzen dieser Brutalität gemacht haben.


Nur eine Ver­krüppelung von Gedanken und deren Ausfluss im Handeln, die panische Angst, kann derart Perverses hervorbringen. Aus der Luft betrachtet, sind Proble­me immer ganz klein, Men­schen kriechende Wesen - die globale Lösung ganz nahe. Ber­lin von oben gesehen - der To­desstreifen, die Mauer, das wirkt aus dieser Perspektive; wahrhaft überflüssig.


Aber den Hauptausgang am Flughafen Tegel zu finden, das heißt eine Überwindung moderner Archi­tektur herzustellen - die Überwindung ganz anderer Betonmauern.

Nach der Unterbringung im Hotel ein Essen mit dem Ministerialdirigenten Dr. Horst Winkelmann, dem Leiter der Abteilung inner­deutsche Beziehungen beim Bevollmächtigten der Bundesregierung in Berlin. In eine französisierten Kneipe auf dem Kurfürstendamm mit dem infla­tionär verbrauchten Namen „Bistro“. Fazit des „Dirigen­ten“: das Ost-West-Klima der­zeit sei „sehr gut".


Eine Rund­fahrt durch Westberlin und eine Schiff-Fahrt auf dem Wannsee lässt Erinnerungen an Histori­sches, an Gelerntes aufkommen. Die Enklave Steinstücken wird besucht, Baldur von Schirachs Heimstatt als Reichsjugendführer in der Heerstraße ist zu sehen, das neue Kongresszen­trum, der Funkturm - eine Stadtrundfahrt mit Altbekann­tem.


Am Abend lädt der Berli­ner Senat zu einem Theaterbe­such ins Theater des We­stens: „Evita“, das Musical über das Leben der Evita Peron. Die nicht ganz geglückte Ver­herrlichung der Ehegattin eines faschistischen Staatspräsi­denten von Argentinien. 33-jährig war sie 1952 an Leukämie in Buenos Aires gestorben. Man­che der Songs gehen ins Ohr.


Theaterbesucher schimpfen lauthals während der Aufführung, weil die gesungenen Tö­ne über Lautsprecher kommen. Eine schlechte Aufführung. Und dabei ist es die Original-Inszenierung von Harold Prince, ins Deutsche übertragen - einst uraufgeführt in New York. Zwei Tage später gibt's einen schö­nen Verriss in der FAZ zu lesen. Und ein Freund behauptet, dass ihm die deutsche Erstauffüh­rung in Berlin besser gefallen habe als die Uraufführung in New York. Ich war nur in Berlin.


Zweiter Tag


Um 8.30 Uhr treffen sich jene Journalisten, die nach Berlin kommen konnten - einige an­dere mussten die Reise kurzfri­stig wegen der Bonner Regie­rungskrise absagen. Beim Innensenator Bürgermeister Heinrich Lummer. Es ist, der Jahrestag des Unfalls mit tödli­chem Ausgang: Jürgen Ratay. Hauptgegenstand des Ge­sprächs ist natürlich die Hausbesetzerszene, die Wohnungs­not in West-Berlin.

Eine Stadt mit knapp zwei Millionen Einwoh­ner hat eine Million Wohnun­gen. Für zwei Leute eine Woh­nung. Das gibt's im ganzen Bundesgebiet nicht. Aber der Wohnungsbestand ist uralt, heutigen Ansprüchen nicht mehr gerecht, Lehren für den Innensenator aus der Not?


„Die Altbesetzungen räumen wir erst, wenn sie einer sinnvollen Verwendung zugeführt wer­den. Die Neubesetzungen räumen wir sofort. Nicht Räumung um des Leerstandes willen, sondern Räumung um der sinnvollen Nutzung. Wenn einer das Problem generell beseitigen will, muss er den Leerstand be­seitigen.“ - Der Leerstand belief sich auf 10.000 Wohnungen Mitte des vergangenen Jahres. Und der ist jetzt abgebaut auf etwa 7.000 Wohnungen. „Auf Null wird der nie kommen." 

Ein Leerstand von 4.000 Wohnungen sei normal in einer Stadt von der Größe Westberlins.

Um die Mittagszeit ein Gespräch mit der Senatorin für Gesund­heit, Soziales und Familie, der gerade herausredende Han­na-Renate Laurien. Probleme werden angerissen. Zum Bei­spiel die Abschaffung der Men­genlehre in Baden-Württem­berg. Dr. Laurien: „Ich finde dieses Abschaffen wirklich falsch." - Weit über 100.000 Tür­ken leben in Berlin. Eine Zahl aus dem Schulleben: „Wenn al­le unsere Ausländerkinder in Berlin Deutsche wären, dann brauchten wir für die Schulung dieser Kinder 565 Planstellen. Wir verwenden aber 3.700 Plan­stellen."


Ein Kernsatz der kon­servativen Politikerin Laurien: „Wir versuchen Grundschulleh­rern beizubringen, dass Leistung kein Porno-Wort ist."


Letztes Politikergespräch an diesem Tage: Gesprächspartner ist Ulf Fink, der Berliner Sozialsena­tor, auch zuständig für die Al­ternative Szene. Fink sieht in der Szene einen „konservativen Grundzug" und behauptet, dass es soweit kommen werde, dass CDU und Alternative erkennen werden, „hier haben sich zwei Verwandte entdeckt". Ein „Wertkonservativer", der auch keine Berührungsängste zu Er­hard Eppler haben will. Fazit bei den Senatoren: sie glauben derzeit nicht an eine Koalition der CDU mit der FDP in der Stadt Berlin.


Am Abend ein Essen in Kreuzberg. Und da­nach die U-Bahn-Fahrt zurück. Demonstrationen am Bahnhof Zoo; Polizei, irgendwo brennt es. Ich habe keinen Personalaus­weis dabei. In Berlin ist das Führen des Ausweises Pflicht - Vorschrift der Alliierten. Also nichts wie weg. Meine Lust, auf einem Polizeirevier zu sitzen, ist gering.


Dritter Tag


Eine Fahrt mit der S-Bahn vom Lehrter Bahnhof zum Bahnhof Friedrichstraße hat im letzten Moment etwas Beklem­mendes: in den Ostteil der Stadt Berlin. Die Massenkontrolle an der „Grenze" im Bahnhof Friedrichstraße hat für mich da­für etwas Komisches. Ich muss an Kontrollen auf den Straßen im Westen denken - zur Zeit der Terroristenfahndung. Das sah damals gefährlicher aus. In Ostberlin sind die Kontrollen nur spießig. Hartes, preußisches Beamtentum schimmert auf den Gesichtern der Kontrolleure.


Schlagzeile des „Neuen Deutschland“ in Ost-Berlin - an diesem Donnerstag: „Zusammenarbeit DDR - VDR Laos wird weiter ausge­baut / Erich Honecker und Kay­sone Phomvihane unterzeichne­ten Freundschaftsvertrag."


Die Schlagzeile der „Berliner Morgenpost" in West-Berlin: „Drei Tage vor der Hessen-Wahl Krach bei den Liberalen / Letzte Umfrage: FDP nur noch 2,3 Pro­zent."


Ein völlig unterschied­liches Denken in den politi­schen Köpfen der beiden Deutschland.

„Unter den Lin­den“ spazieren zu gehen zeigt viel von dem, was Berlin einst war. Die Prachtbauten von einst, neu im alten Stil wieder­aufgebaut. Zum Beispiel die Deutsche Staatsoper, das Zeug­haus, Schinkels „Neue Wache" oder die Deutsche Staatsbiblio­thek. Nahezu lächerlich und muffig wirkt dagegen der mo­dernistische „Palast der Repu­blik" am Marx-Engels-Platz, auf jenem Gelände, auf dem einst das Berliner Schloss stand.


Ähnlich Hässliches wie diesen „Palast im deutschen Wohnzimmer-Stil von Kleinbürgern fabrizierten auch Architekten im „Goldenen We­sten“. Fernsehturm, Alexanderplatz, Brandenburger Tor sind Stationen für den Touri­sten. Aber auch das Centrum-Warenhaus; um zu sehen, was der Ostberliner sich leisten kann.


In der „Ständigen Vertre­tung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR" wird über die Zentimeter-Arbeit beim Vortwärtskommen in deutsch-deutschen Fragen diskutiert. Ein steiniger Acker wird dort zu pflügen versucht - aus der Einsicht in die Notwen­digkeit, dass die deutsche Frage noch nicht gelöst sein kann. Die Erwartungshaltung von DDR- Bürgern ist groß, von jenen, die allabendlich dank des Fernse­hens via Glotze in den Westen emigrieren.


Letzter Eindruck aus dem Ostteil: Da kann noch viel saniert werden; viel von alter, wunderschöner Bausub­stanz ist weitestgehend erhal­ten. Aber dazu fehlt auch im „real existierenden Sozialis­mus" das Geld.


Vierter Tag


Ein Besuch in der schon seit Jahren von Krisen geschüttelte Königlichen Porzellan-Manu­faktur. 460 Mitarbeiter zählt das Unternehmen, das der Stadt West-Berlin ge­hört. 40 Ausbildungsplätze sind vorhanden. Die Ausbildung eines Keramikmalers zum Bei­spiel kostet 120.000 bis 150.000 Mark. Da wird Porzellan ge­zeigt, von dem der Normalmensch maximal träumen kann. Die Kaufpreise sind für Sterbli­che in unserer Krisenzeit nicht zu bezahlen.


Ein Reichstag-Besuch lässt den Blick nach Ost­berlin schweifen; die Orte, an denen ich gestern vorbeigelau­fen bin, sind nur ein Steinwurf entfernt, jetzt von mir durch Todesstreifen und Mauer getrennt.


Deutsche Geschichte in der Reichstag-Ausstellung unter dem Motto „Fragen an die Deutsche Geschichte". - Ideen, Kräfte, Entscheidungen von '1800 bis zur Gegenwart‘  lautet der Untertitel. Eine Monumen­tal-Ausstellung, durch die in zwei Stunden nur im Laufschritt gehetzt werden kann. Wir se­hen das Fenster im Reichstag; Scheidemann rief von hier die Deutsche Republik aus. Jeder Platz hier ist Plakat für deutsche Geschichte.


In Berlin wird man ständig damit konfrontiert. Es weht ein Traum von staatlicher Einheit wie ein kalter Wind über der Stadt. Und an der Mau­er ist zu lesen: „Stell Dir vor, es ist Krieg - und Dein Fernseher ist kaputt."


Auf dem Rückflug sitzt die Mannschaft von Hertha BSC im Flugzeug. Ich weiß nicht mehr, ob sie an diesem Wochenende in Stuttgart gewonnen hatte. Die Fußballerprofis waren nur sehr laut in ih­ren Unterhaltungen - lauter als die anderen Passagiere im Flugzeug der British Airways.


Bundesdeutscher Alltag hat mich wieder. Die Maschine rumpelt nicht so stark wie jene beim Hinflug - jene der Pan Am. In meinem Kopf purzelten Gedanken lautdröhnend durch­einander. Der deutsche Zeit­geist in Berlin ist lauter als bei uns in „Westdeutschland“  - wie die Berliner zu sagen pflegen. Hoffentlich bleibt er weiterhin so laut.


Neckar-Express, Nummer 44, 4. November 1982, Seite 8

Rhein-Neckar-Zeitung, 5. November 1982