Sonntag, 23. März 2014

Berlin Kommentar 1991

Berlin – eine deutsche Hauptstadt?


Von Jürgen Dieter Ueckert

Berlin als deutsche Hauptstadt war seit 1871 nicht nur, aber auch ein Kasernenhof, dessen Kadavergehorsam des Weltmacht spielenden kleindeutschen Hohenzollernreichs die deutsche Götterdämmerung vorzubereiten half.

Berlin als deutsche Hauptstadt war danach nicht nur, aber auch Tummelplatz linker, rechter und vor allem mittelmäßiger Politik der fiebernden Weimarer Republik, die geistige Brutstätte für die Schlachthöfe des mörderischen Naziregimes, die hochsubventionierte Frontstadt des Westens und grausame Verwaltungsmetropole des verbrecherischen SED-Regimes.

Bonn dagegen steht für mehr als 40 Jahre parlamentarische Demokratie in Deutschland und für die Tradition eines gesamtdeutschen Rechtsstaates der Paulskirche.

Zugegeben – eine harsche Begründung für die demokratische Tradition der Bonner Bundesrepublik Deutschland, eine Begründung, die gegen ein Deutschland autoritärer und zentralistischer Prägung mit Wasserkopf-Kapitale Front machen will.

Berlin ist Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland Ost und West, wie im Einigungsvertrag festgelegt. Noch ist Bonn Regierungs- und Parlamentssitz für das gesamte Deutschland.

Aber das neue, 1990 entstandene Deutschland hätte jetzt einen Bruch mit einer unseligen Berliner Hauptstadt-Tradition nötig, weil die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer kurzen Tradition westlicher Prägung von Demokratie in Staat und Gesellschaft erfolgserprobt und zukunftsversprechend ist.

Was interessieren da Sonntagsreden von Politikern aus der Nachkriegszeit in der alten Bundesrepublik, die heute nur noch das sind, was sie immer waren: Sonntagsreden eben. Die Zeiten wandeln sich. Und der Alltag in der neuen Bundesrepublik Deutschland hat uns schon längst eingeholt.

Deutschlands Zukunft ist auf den Werten jener erfolgreichen, westlich orientierten deutschen Politik gegründet, für die Bonn steht.

Das verpflichtet
– für den gesamtdeutschen Regierungs- und Parlamentssitz in Bonn. Und daneben haben wir ja noch die vertraglich festgelegte deutsche Hauptstadt und Metropole Berlin.

Der Autor ist Leitender Redakteur Aktuell bei Radio Regional Heilbronn.
Heilbronner Stimme, 22. Juni 1991

Berlin Reise 1984

Notizen von einer Journalisten-Reise im April 1984

Berlin – eine Hauptstadt-Sehnsucht
Von Jürgen Dieter Ueckert

Begrüßung in Berlin-West: Die Berliner Morgenpost, ein in Hotels und Flugzeugen herumliegendes Blatt aus dem Springer-Verlag, aber auch eine vielgelesene Tageszeitung, führt täglich einen Leitspruch im Titelkopf. Dienstag, 3. April 1984, stammt der Spruch von Seneca, dem römischen Philosoph: „Was nützt es Dir, keinen Mitwisser zu haben, da Du ein Gewissen hast?“

Ein guter Auftakt für eine Journalisten-Reise nach Berlin? Zumindest ein passender Spruch für die berechtigte und notwendige Berlin-Propaganda der Bundesregierung in Bonn. Auf der ersten Seite der Berliner Morgenpost wird Matthias Kleinert, der politische Staatssekretär im Stuttgarter Staatsministerium von Lothar Späth, unter der Überschrift „Späths Doppelgänger“ vorgestellt. Schwäbisches in Berlin – oder umgekehrt. Zu lesen ist dort, dass „dieser wohl engste Mitarbeiter Späths (…) 1938 an der Spree geboren“ wurde – und „nur Kleinerts Ehefrau und zwei Kinder vermissen den so emsig schaffenden Vater“. Und wenn er Zeit habe, fliege er „deshalb rasch mal nach Berlin. Dort hat die Familie Kleinert nicht nur einen Koffer, sondern ein ganzes stehen“. - Und was steht bei ihm in Stuttgart? Noch’n Koffer?

Im Berliner Lokalfernsehen wird der Festakt im Rathaus Schöneberg übertragen, bei dem Bundespräsident Professor Karl Carstens die Würde eines Ehrenbürgers von Berlin verliehen wird. Das April-Wetter spielt verrückt; Schnee und Dauerregen werden aus der Bundesrepublik gemeldet. Auch der Präsident leidet in Berlin –unter einer schweren Grippe: Schwächeanfall. Sein Anfall wird live übertragen – und in den abendlichen Fernsehnachrichten sorgsam wiederholt. Die Nation soll an der Erkältung ihres Staatsoberhauptes teilhaben? Das DDR-Fernsehen ist sehr "sozialistisch" und noch provinzieller – aber das Westberliner Regionalprogramm ist auch sehr provinziell. Weltstadt perdu.

Klar. Eine Stadtrundfahrt durch West-Berlin gehört zum Ablauf des Berlin-Programms. Es gibt Gegenden in der ehemaligen Reichshauptstadt, in denen gearbeitet werde, in anderen gehe man einer Beschäftigung nach. „Und hier hat man zu tun“, sagt unser  Stadterklärer, ein „freier Mitarbeiter des Gesamtdeutschen Instituts“. Wir befinden uns bei diesem witzig gemeinten Satz in Dahlem, einem Villen-Stadtteil.

Wenig später steuern wir das "Kriegsverbrechergefängnis" in Spandau an, die „Haftanstalt der Alliierten“, so der offizielle Titel. Russen, Amis, Franzosen und Engländer wechseln sich ab – in der Bewachung des 90-jährigen Rudolf Heß, ein Partei-Stellvertreter von Adolf Hitler.

Heß hat gebüßt – von 1945 bis heute. Mehr als genug. „Isolationsfolter“. Hier passt das ansonsten oft missbrauchte Wort. 36 Jahre Haft in Spandau. Zuvor, seit 1941, in Großbritannien. Das ist für einen Greis in seinem Alter ungerecht und unmenschlich. Aber die Alliierten demonstrieren damit ihre Hoheitsrechte. Die Sowjetunion will nicht – und die anderen drei können deshalb nicht – mit ihrer Humanität. Wenige Tage später wird das Bundesverfassungsgericht eine Heß-Verfassungsbeschwerde wegen mangelnder Aufsicht auf Erfolg ablehnen. Wie oft noch? Und wer bewacht dann in Spandau noch was?

Die Ausreisepolitik der DDR lässt die einen in der Bundesrepublik politisch über ihrer Deutschland-Politik jubeln, andere sehr nachdenklich werden. Wessen entledigt sich die Staatsführung im kommunistischen Teil Deutschlands da? Nichts, was politisch dort drüben geschieht, sei dem Zufall, einer momentanen Laune der Mächtigen, überlassen. Alles sei in eine langfristig durchdachte politische Strategie eingebettet. So und ähnlich spricht der Senator für Bundesangelegenheiten in Westberlin, Professor Dr. Rupert Scholz, anlässlich eines Mittagessens mit uns Journalisten.

Wen also schickt die DDR dann in den Westen? Das kommunistische Kuba ließ vor Jahren Menschen aus seinen Gefängnissen frei. Später stellte sich heraus, dass die Kommunisten ihre Irrenanstalten von Kranken und ihre Gefängnisse von Kriminellen befreit hatten. Aus humanitären Gründen? Kuba entledigte sich unbequemer Esser, der kommunistische Staat Menschen, die mit der Zeit zu teuer wurden. Die USA hatte mit diesen nicht-politisch-verfolgten Kubanern ein Problem mehr.

Ähnliches wird in unseren Journalisten-Fragen zur Ausreisepraxis der DDR an Rupert Scholz formuliert. Entledigt sich die DDR seiner politisch unbequemen Bürger, weil sie im „Sozialismus“ nicht gesellschaftsfähig, weil sie politischer Sprengstoff sind, der nicht zu entschärfen ist? Werden bei uns in der Bundesrepublik angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen damit Ressentiments geschürt – gegen „unsere Brüder und Schwestern von drüben“? Wie viele Spione können dabei sein, die bundesdeutsche Spitzentechnologie billig transferieren – demnächst? Bekommen wir in der Bundesrepublik nach der Türken- und der Asylanten-Problematik eine neue Dimension der Deutschen-Problematik? Oder wird die DDR so brutal schlau sein, wenn es ihr einmal zu viel werden sollte, den Hahn wieder zuzudrehen? – Wie viel alltägliches Leid verschwindet doch hinter dem Berg solch rationaler Argumente.

Der Spruch in der Berliner Morgenpost: „Freundschaft besteht, wenn jeder Freund glaubt, dem anderen gegenüber eine leichte Überlegenheit zu haben.“ Der Satz, beim Verzehr des Frühstückseis zu lesen, stammt von Honoré de Balzac. Ostberlin steht heute auf dem Tagesprogramm – eine „Informationsfahrt“. Die „ehemalige City“ Berlins, so heißt es in einem Faltblatt dümmlich. Diese Berlin-„City“ war nie eine, sondern ist und bleibt der Stadtkern Berlins. Das kommunistische Ostberlin baut in ungeahntem Tempo wieder auf. Ein gigantisches Wohnungsprogramm wird durchgezogen. Aus der gesamten DDR werden die Bauarbeiter in die „Hauptstadt der Republik“ geholt.

Die DDR ist ehrgeizig um die „Neugestaltung des Berlins“ im sozialistischen Teil der Stadt besorgt. Aufbauarbeit im ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden: Man besitzt viel Halbzerstörtes, Ruinen, die wieder herstellbar sind – noch nicht mit der heftigen Wirtschaftswunderwut überbaut. Der Gendarmenmarkt, heute „Platz der Akademie“, mit Schauspielhaus, deutschem und französischem Dom ist eine Großbaustelle, lässt schon erkennen, welch imposante Platzgestaltung alter preußischer Strenge und Schönheit sich hier Bahn brechen wird.

Hauptstadt-Gefühle? Unter den Linden, die Museumsinsel, der Berliner Dom, der neue Friedrichsstadt-Palast, der Alex(ander-Platz), das Zeughaus – im Osten der Stadt liegt der Kern Berlins. Zeugnisse alter Reichshauptstadt-Herrlichkeit. Aber die neuen Herren sind nicht Herrscher im eigenen Land. Deutschland ist geteilt – und Berlin ist das lebendige Symbol dafür. Wer Berlin kennen will, der muss den Osten gesehen haben.

Zum hässlichen Teil des Aufbauwillens der DDR gehören modernistisch hochgezogene Wohnblocks, in denen Seelenkrankheiten mit eingeplant sind. Prägnanter Ausdruck von der Unwirtlichkeit einer Stadt. Modernität als Hybris. Wie bei uns im Westen. Idyllen dagegen sind die Stalin-Allee, einst viel gescholten, heute Karl-Marx-Allee, mit ihren Zuckerbäcker-Wohnblocks; der Treptower Park mit dem sowjetischen Ehrenmal; Köpenick mit seinem Schloss und seinem Hauptmann aus Geschichte und Theatern/Filmen.

Zwölf Bezirke hat Berlin-West. Jeder größer oder nahezu gleichgroß an der Anzahl von Einwohnern wie die gesamte Stadt Heilbronn. Neukölln besitzt 280.000 Einwohner, Tiergarten als kleinster nur 74.000. Über die Hausbesetzer-Szene spricht niemand mehr. Auf der einen Seite spaltet diese Szene sich in alternative Lebens- und Wirtschaftsformen, auf der anderen Seite liefert sie frisches Potential für neue Outsider, Penner, etc. - Westberlin in der Tradition: Berlin seit jeher als Schmelztiegel.

Westberlin - die größte türkische Siedlung außerhalb der Türkei. Die Politik versucht Konflikte zu entschärfen. Die Schulsenatorin Dr. Hanna-Renate Laurien erzählt von einem „intelligenten, türkischen Kopftuch-Mädchen“, das sich weigerte, am Turnunterricht teilzunehmen. Der Grund: Es könnten ja Männer bei ihrem Turnen zuschauen. Aber ohne Sportnote gibt es kein Abitur. In einem Gespräch mit Frau Laurien sagte das Mädchen: „Frau Senatorin, ich will nicht die Verdorbenheit der Deutschen.“ – Auf den Einwand, dass auch in der Türkei Sport für Mädchen Pflichtfach sei, antwortete sie: „Deshalb sind wir nach Deutschland ausgewandert.“

Die Senatorin hat als Politikerin gewährleistet, dass dieses Kopftuch-Mädchen ihr Abitur machen kann. In einem abgeschlossenen Raum wird sie vor Sportlehrerinnen turnen. So bekommt sie wenigstens ihre Mindestpunkte. Der Zündstoff für eventuelle Hetzartikel in türkischen Zeitungen ist nass geworden. Hanna-Renate Laurien: In Diktaturen wird verfolgt, gefoltert und getötet, wenn jemand anderer Ansicht ist.

„Hanna Granata“, Frau Lauriens Spitzname in Berlin. Im Schwange war er besonders, als sie sich um den Posten des Regierenden Bürgermeisters innerhalb der CDU als Nachfolgerin Richard von Weizsäckers bemühte. Sie unterlag einem Herrn Diepgen.

Im nächsten Jahr sind in Westberlin Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Frau Laurien hat einen Wahlkreis – „in Schöneberg, das ist klar“. Auch eine Berliner Eigentumswohnung besitzt sie jetzt. Bernhard Vogel, in dessen Kabinett sie in Rheinland-Pfalz vor ihrer Zeit saß, hat ihr dazu 25.000 Mark geborgt, zinslos – wie sie stolz erzählt. „Fünftausend sind erst zurückgezahlt.“ – Und dann bemerkt die Neuberlinerin noch dankbar: „Det soll man sich ma suchen.“

„Hanna Granata“ will jedoch in Berlin weiterkämpfen. Die Wahlen sind ja schließlich nach der Aufstellung des neuen SPD-Kandidaten Hans Apel noch nicht für die Christdemokraten gewonnen. „Man muss immer vom Zustand ausgehen - in Berlin ist nicht wie in Baden-Württemberg und Bayern die absolute Mehrheit sicher.“

Der Senator für Arbeit und Betriebe, Edmund Wronski, hatte es einst vom Volksschüler zum Siemens-Manager gebracht. Darauf ist er stolz. Die Alternative Liste, sozusagen die grüne Partei von Westberlin, die mit 7,2 Prozent der Stimmen 1981 ins Abgeordnetenhaus eingezogen war, ist für Wronski kein Partner. Mit der „AL“ würde er niemals zusammenarbeiten. Sie ist für ihn keine demokratische Gruppierung: „Denn sie machen wie einst die Nazis das Parlament lächerlich.“

„Am Donnerstag, den 5. April 1984, wurde mit den Ja-Stimmen der AL und fast aller SPD-Abgeordneter der AL-Abgeordnete Köppl in das elfköpfige Parlamentspräsidium gewählt. Seine Wahl war bei zahlreichen Gegenstimmen (…) bei einer genügenden Anzahl von Enthaltungen aus dem Lager der Koalition gesichert.“ - Eine Meldung aus Der Tagesspiegel, einer liberal-konservativen Westberliner Tageszeitung.

Das Nachtleben in Westberlin: Ein Leben für Touristen und andere Reisende. Arbeitendes Volk muss auch in Berlin früh aus den Federn. Wer vom Berliner Nachtleben profitieren will, darf eben kaum arbeiten – muss vielleicht arbeitslos, Student, Baulöwe oder Aussteiger sein, wenn auch nur ein touristischer. Berliner Nachtleben also kann nur für jene interessant sein, für die der Tag langweilig war.

Das schöne und gute Abendleben der Stadt: die vielen Theater. Man spielt derzeit in den Sprechtheatern viel Anton Tschechow. „Onkel Wanja“ und „Die drei Schwestern“. Sehnsüchte nach verlorenen, nie richtig dagewesenen, heilen Zeiten – als die Umwelt und das „Ich" noch in Ordnung waren. Beim Russen werden diese Süchte formuliert. Berlins Sehnsucht nach der Hauptstadtfunktion Deutschlands? Eine Funktion, die Berlin als Stadt nur knapp achtzig Jahre innehatte. Von 1871 bis 1945.

Berlin liegt in der Ebene des norddeutschen Flachlandes und wird von einem der märkischen Urstromtäler durchzogen. Die durchschnittliche Höhe über Normalnull beträgt 34 Meter. Höchste Erhebungen sind der Größe Müggelberg im Ostteil mit 115 Meter und der 120 Meter hohe Trümmerberg am Teufelssee im Westteil der Stadt. Die Stadt liegt im Grenzbereich kontinentaler und atlantischer Großräume und ist umgeben von ausgedehnten Wald- und Wasserflächen.

Berlin ist mit einer Bodenfläche von 883 Quadratkilometern die größte deutsche Stadt. Ihr Westteil umfasst mit 480 Quadratkilometern rund 54,4 Prozent der Gesamtfläche. Die Nord-Süd-Ausdehnung von ganz Berlin beträgt etwa 38 Kilometer, die Ost-West-Ausdehnung rund 45 Kilometer. Das Stadtgebiet besteht aus 40 Prozent Grün- und Wasser-Flächen. 1980 zählte Westberlin rund 1,998 Millionen Einwohner. In Ostberlin wohnten 1979 rund 1,13 Millionen Menschen. Bei Kriegsbeginn 1939 zählte Berlin 4,3 Millionen Einwohner.

Neckar-Express, Donnerstag, 12. April 1984