Notizen von einer Journalisten-Reise im April 1984
Berlin – eine
Hauptstadt-Sehnsucht
Von Jürgen Dieter Ueckert
Begrüßung in Berlin-West: Die Berliner Morgenpost, ein in Hotels und
Flugzeugen herumliegendes Blatt aus dem Springer-Verlag, aber auch eine vielgelesene
Tageszeitung, führt täglich einen Leitspruch im Titelkopf. Dienstag, 3. April
1984, stammt der Spruch von Seneca, dem römischen Philosoph: „Was nützt
es Dir, keinen Mitwisser zu haben, da Du ein Gewissen hast?“
Ein guter Auftakt für eine Journalisten-Reise nach Berlin? Zumindest ein
passender Spruch für die berechtigte und notwendige Berlin-Propaganda der
Bundesregierung in Bonn. Auf der ersten Seite der Berliner Morgenpost
wird Matthias Kleinert, der politische Staatssekretär im Stuttgarter
Staatsministerium von Lothar Späth, unter der Überschrift „Späths
Doppelgänger“ vorgestellt. Schwäbisches in Berlin – oder umgekehrt. Zu lesen
ist dort, dass „dieser wohl engste Mitarbeiter Späths (…) 1938 an der Spree
geboren“ wurde – und „nur Kleinerts Ehefrau und zwei Kinder vermissen den so
emsig schaffenden Vater“. Und wenn er Zeit habe, fliege er „deshalb rasch mal
nach Berlin. Dort hat die Familie Kleinert nicht nur einen Koffer, sondern ein
ganzes stehen“. - Und was steht bei ihm in Stuttgart? Noch’n Koffer?
Im Berliner Lokalfernsehen wird der Festakt im Rathaus Schöneberg übertragen,
bei dem Bundespräsident Professor Karl Carstens die Würde eines
Ehrenbürgers von Berlin verliehen wird. Das April-Wetter spielt verrückt;
Schnee und Dauerregen werden aus der Bundesrepublik gemeldet. Auch der Präsident
leidet in Berlin –unter einer schweren Grippe: Schwächeanfall. Sein Anfall wird
live übertragen – und in den abendlichen Fernsehnachrichten sorgsam wiederholt.
Die Nation soll an der Erkältung ihres Staatsoberhauptes teilhaben? Das
DDR-Fernsehen ist sehr "sozialistisch" und noch provinzieller – aber
das Westberliner Regionalprogramm ist auch sehr provinziell. Weltstadt perdu.
Klar. Eine Stadtrundfahrt durch West-Berlin gehört zum Ablauf des
Berlin-Programms. Es gibt Gegenden in der ehemaligen Reichshauptstadt, in denen
gearbeitet werde, in anderen gehe man einer Beschäftigung nach. „Und hier hat
man zu tun“, sagt unser Stadterklärer,
ein „freier Mitarbeiter des Gesamtdeutschen Instituts“. Wir befinden uns
bei diesem witzig gemeinten Satz in Dahlem, einem Villen-Stadtteil.
Wenig später steuern wir das "Kriegsverbrechergefängnis" in Spandau
an, die „Haftanstalt der Alliierten“, so der offizielle Titel. Russen, Amis,
Franzosen und Engländer wechseln sich ab – in der Bewachung des 90-jährigen Rudolf
Heß, ein Partei-Stellvertreter von Adolf Hitler.
Heß hat gebüßt – von 1945 bis heute. Mehr als genug. „Isolationsfolter“. Hier
passt das ansonsten oft missbrauchte Wort. 36 Jahre Haft in Spandau. Zuvor,
seit 1941, in Großbritannien. Das ist für einen Greis in seinem Alter ungerecht
und unmenschlich. Aber die Alliierten demonstrieren damit ihre Hoheitsrechte.
Die Sowjetunion will nicht – und die anderen drei können deshalb nicht – mit
ihrer Humanität. Wenige Tage später wird das Bundesverfassungsgericht eine
Heß-Verfassungsbeschwerde wegen mangelnder Aufsicht auf Erfolg ablehnen. Wie
oft noch? Und wer bewacht dann in Spandau noch was?
Die Ausreisepolitik der DDR lässt die einen in der Bundesrepublik politisch
über ihrer Deutschland-Politik jubeln, andere sehr nachdenklich werden. Wessen
entledigt sich die Staatsführung im kommunistischen Teil Deutschlands da?
Nichts, was politisch dort drüben geschieht, sei dem Zufall, einer momentanen
Laune der Mächtigen, überlassen. Alles sei in eine langfristig durchdachte
politische Strategie eingebettet. So und ähnlich spricht der Senator für
Bundesangelegenheiten in Westberlin, Professor Dr. Rupert Scholz,
anlässlich eines Mittagessens mit uns Journalisten.
Wen also schickt die DDR dann in den Westen? Das kommunistische Kuba ließ vor
Jahren Menschen aus seinen Gefängnissen frei. Später stellte sich heraus, dass
die Kommunisten ihre Irrenanstalten von Kranken und ihre Gefängnisse von
Kriminellen befreit hatten. Aus humanitären Gründen? Kuba entledigte sich
unbequemer Esser, der kommunistische Staat Menschen, die mit der Zeit zu teuer
wurden. Die USA hatte mit diesen nicht-politisch-verfolgten Kubanern ein Problem
mehr.
Ähnliches wird in unseren Journalisten-Fragen zur Ausreisepraxis der DDR an
Rupert Scholz formuliert. Entledigt sich die DDR seiner politisch unbequemen
Bürger, weil sie im „Sozialismus“ nicht gesellschaftsfähig, weil sie politischer
Sprengstoff sind, der nicht zu entschärfen ist? Werden bei uns in der
Bundesrepublik angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen damit Ressentiments
geschürt – gegen „unsere Brüder und Schwestern von drüben“? Wie viele Spione
können dabei sein, die bundesdeutsche Spitzentechnologie billig transferieren –
demnächst? Bekommen wir in der Bundesrepublik nach der Türken- und der
Asylanten-Problematik eine neue Dimension der Deutschen-Problematik? Oder wird
die DDR so brutal schlau sein, wenn es ihr einmal zu viel werden sollte, den
Hahn wieder zuzudrehen? – Wie viel alltägliches Leid verschwindet doch hinter
dem Berg solch rationaler Argumente.
Der Spruch in der Berliner Morgenpost: „Freundschaft besteht, wenn jeder
Freund glaubt, dem anderen gegenüber eine leichte Überlegenheit zu haben.“ Der
Satz, beim Verzehr des Frühstückseis zu lesen, stammt von Honoré de Balzac.
Ostberlin steht heute auf dem Tagesprogramm – eine „Informationsfahrt“. Die
„ehemalige City“ Berlins, so heißt es in einem Faltblatt dümmlich. Diese
Berlin-„City“ war nie eine, sondern ist und bleibt der Stadtkern Berlins. Das
kommunistische Ostberlin baut in ungeahntem Tempo wieder auf. Ein gigantisches
Wohnungsprogramm wird durchgezogen. Aus der gesamten DDR werden die Bauarbeiter
in die „Hauptstadt der Republik“ geholt.
Die DDR ist ehrgeizig um die „Neugestaltung des Berlins“ im sozialistischen
Teil der Stadt besorgt. Aufbauarbeit im ersten sozialistischen Staat auf
deutschem Boden: Man besitzt viel Halbzerstörtes, Ruinen, die wieder herstellbar
sind – noch nicht mit der heftigen Wirtschaftswunderwut überbaut. Der
Gendarmenmarkt, heute „Platz der Akademie“, mit Schauspielhaus, deutschem und
französischem Dom ist eine Großbaustelle, lässt schon erkennen, welch imposante
Platzgestaltung alter preußischer Strenge und Schönheit sich hier Bahn brechen
wird.
Hauptstadt-Gefühle? Unter den Linden, die Museumsinsel, der Berliner Dom, der
neue Friedrichsstadt-Palast, der Alex(ander-Platz), das Zeughaus – im Osten der
Stadt liegt der Kern Berlins. Zeugnisse alter Reichshauptstadt-Herrlichkeit.
Aber die neuen Herren sind nicht Herrscher im eigenen Land. Deutschland ist
geteilt – und Berlin ist das lebendige Symbol dafür. Wer Berlin kennen will,
der muss den Osten gesehen haben.
Zum hässlichen Teil des Aufbauwillens der DDR gehören modernistisch
hochgezogene Wohnblocks, in denen Seelenkrankheiten mit eingeplant sind.
Prägnanter Ausdruck von der Unwirtlichkeit einer Stadt. Modernität als Hybris.
Wie bei uns im Westen. Idyllen dagegen sind die Stalin-Allee, einst viel
gescholten, heute Karl-Marx-Allee, mit ihren Zuckerbäcker-Wohnblocks; der
Treptower Park mit dem sowjetischen Ehrenmal; Köpenick mit seinem Schloss und
seinem Hauptmann aus Geschichte und Theatern/Filmen.
Zwölf Bezirke hat Berlin-West. Jeder größer oder nahezu gleichgroß an der
Anzahl von Einwohnern wie die gesamte Stadt Heilbronn. Neukölln besitzt 280.000
Einwohner, Tiergarten als kleinster nur 74.000. Über die Hausbesetzer-Szene
spricht niemand mehr. Auf der einen Seite spaltet diese Szene sich in
alternative Lebens- und Wirtschaftsformen, auf der anderen Seite liefert sie
frisches Potential für neue Outsider, Penner, etc. - Westberlin in der
Tradition: Berlin seit jeher als Schmelztiegel.
Westberlin - die größte türkische Siedlung außerhalb der Türkei. Die Politik
versucht Konflikte zu entschärfen. Die Schulsenatorin Dr. Hanna-Renate
Laurien erzählt von einem „intelligenten, türkischen Kopftuch-Mädchen“, das
sich weigerte, am Turnunterricht teilzunehmen. Der Grund: Es könnten ja Männer
bei ihrem Turnen zuschauen. Aber ohne Sportnote gibt es kein Abitur. In einem
Gespräch mit Frau Laurien sagte das Mädchen: „Frau Senatorin, ich will nicht
die Verdorbenheit der Deutschen.“ – Auf den Einwand, dass auch in der Türkei
Sport für Mädchen Pflichtfach sei, antwortete sie: „Deshalb sind wir nach
Deutschland ausgewandert.“
Die Senatorin hat als Politikerin gewährleistet, dass dieses Kopftuch-Mädchen
ihr Abitur machen kann. In einem abgeschlossenen Raum wird sie vor
Sportlehrerinnen turnen. So bekommt sie wenigstens ihre Mindestpunkte. Der
Zündstoff für eventuelle Hetzartikel in türkischen Zeitungen ist nass geworden.
Hanna-Renate Laurien: In Diktaturen wird verfolgt, gefoltert und getötet, wenn
jemand anderer Ansicht ist.
„Hanna Granata“, Frau Lauriens Spitzname in Berlin. Im Schwange war er
besonders, als sie sich um den Posten des Regierenden Bürgermeisters innerhalb
der CDU als Nachfolgerin Richard von Weizsäckers bemühte. Sie unterlag einem
Herrn Diepgen.
Im nächsten Jahr sind in Westberlin Wahlen zum Abgeordnetenhaus. Frau Laurien
hat einen Wahlkreis – „in Schöneberg, das ist klar“. Auch eine Berliner
Eigentumswohnung besitzt sie jetzt. Bernhard Vogel, in dessen Kabinett
sie in Rheinland-Pfalz vor ihrer Zeit saß, hat ihr dazu 25.000 Mark geborgt,
zinslos – wie sie stolz erzählt. „Fünftausend sind erst zurückgezahlt.“ – Und
dann bemerkt die Neuberlinerin noch dankbar: „Det soll man sich ma suchen.“
„Hanna Granata“ will jedoch in Berlin weiterkämpfen. Die Wahlen sind ja
schließlich nach der Aufstellung des neuen SPD-Kandidaten Hans Apel noch
nicht für die Christdemokraten gewonnen. „Man muss immer vom Zustand ausgehen -
in Berlin ist nicht wie in Baden-Württemberg und Bayern die absolute Mehrheit
sicher.“
Der Senator für Arbeit und Betriebe, Edmund Wronski, hatte es einst vom
Volksschüler zum Siemens-Manager gebracht. Darauf ist er stolz. Die Alternative
Liste, sozusagen die grüne Partei von Westberlin, die mit 7,2 Prozent der
Stimmen 1981 ins Abgeordnetenhaus eingezogen war, ist für Wronski kein Partner.
Mit der „AL“ würde er niemals zusammenarbeiten. Sie ist für ihn keine
demokratische Gruppierung: „Denn sie machen wie einst die Nazis das Parlament
lächerlich.“
„Am Donnerstag, den 5. April 1984, wurde mit den Ja-Stimmen der AL und fast
aller SPD-Abgeordneter der AL-Abgeordnete Köppl in das elfköpfige
Parlamentspräsidium gewählt. Seine Wahl war bei zahlreichen Gegenstimmen (…)
bei einer genügenden Anzahl von Enthaltungen aus dem Lager der Koalition
gesichert.“ - Eine Meldung aus Der Tagesspiegel, einer
liberal-konservativen Westberliner Tageszeitung.
Das Nachtleben in Westberlin: Ein Leben für Touristen und andere Reisende.
Arbeitendes Volk muss auch in Berlin früh aus den Federn. Wer vom Berliner
Nachtleben profitieren will, darf eben kaum arbeiten – muss vielleicht
arbeitslos, Student, Baulöwe oder Aussteiger sein, wenn auch nur ein
touristischer. Berliner Nachtleben also kann nur für jene interessant sein, für
die der Tag langweilig war.
Das schöne und gute Abendleben der Stadt: die vielen Theater. Man spielt
derzeit in den Sprechtheatern viel Anton Tschechow. „Onkel Wanja“ und
„Die drei Schwestern“. Sehnsüchte nach verlorenen, nie richtig dagewesenen,
heilen Zeiten – als die Umwelt und das „Ich" noch in Ordnung waren. Beim
Russen werden diese Süchte formuliert. Berlins Sehnsucht nach der
Hauptstadtfunktion Deutschlands? Eine Funktion, die Berlin als Stadt nur knapp
achtzig Jahre innehatte. Von 1871 bis 1945.
Berlin liegt in der Ebene des norddeutschen Flachlandes und wird von einem der
märkischen Urstromtäler durchzogen. Die durchschnittliche Höhe über Normalnull
beträgt 34 Meter. Höchste Erhebungen sind der Größe Müggelberg im Ostteil mit
115 Meter und der 120 Meter hohe Trümmerberg am Teufelssee im Westteil der
Stadt. Die Stadt liegt im Grenzbereich kontinentaler und atlantischer Großräume
und ist umgeben von ausgedehnten Wald- und Wasserflächen.
Berlin ist mit einer Bodenfläche von 883 Quadratkilometern die größte deutsche
Stadt. Ihr Westteil umfasst mit 480 Quadratkilometern rund 54,4 Prozent der
Gesamtfläche. Die Nord-Süd-Ausdehnung von ganz Berlin beträgt etwa 38
Kilometer, die Ost-West-Ausdehnung rund 45 Kilometer. Das Stadtgebiet besteht
aus 40 Prozent Grün- und Wasser-Flächen. 1980 zählte Westberlin rund 1,998
Millionen Einwohner. In Ostberlin wohnten 1979 rund 1,13 Millionen Menschen.
Bei Kriegsbeginn 1939 zählte Berlin 4,3 Millionen Einwohner.
Neckar-Express, Donnerstag, 12. April 1984